{ Das Collegium }

Das Orchester, das es nie gab

Bild: KI-generiert

Etwas, das die Zeit überdauert

Viele Stücke, die ich geschrieben habe, sind in der Schublade verschwunden. Diese sollen es nicht.

Musik ist ein Augenblick: Sie erklingt und ist vorbei. Und doch hören wir heute noch Bach, Mozart und Brahms, weil ihre Musik aufgeschrieben wurde und weil Menschen sie über Jahrhunderte immer wieder gespielt haben. Das ist der Gedanke hinter dem Collegium Virtuale: Werke zu schaffen, die nicht vergehen. Zeitlos, in der Tradition der klassischen Musik, und mit einer Partitur, damit sie eines Tages ein echtes Orchester spielen kann, in einem Raum, in dem die Musik atmen kann.

Ein Orchester ohne Musiker

Im Collegium Virtuale sitzt niemand auf den Stühlen. Die Instrumente kommen aus dem Computer, die Aufnahmen sind Klangentwürfe. Was echt ist, sind die Werke selbst: die Melodien, die Formen, die Geschichten, die sie erzählen.

Bach und das Collegium musicum

Der Name knüpft an eine Tradition an, die in Leipzig begann. 1702 gründete der Jurastudent Georg Philipp Telemann dort ein Collegium musicum: eine Musikvereinigung aus Studenten der Universität und Berufsmusikern, die regelmäßig öffentliche Konzerte gab.

1729 übernahm Johann Sebastian Bach die Leitung, neben seinem Amt als Thomaskantor. Sein Konzertsaal war keine Kirche, sondern ein Kaffeehaus: Im Winter spielte das Collegium jeden Freitagabend im Zimmermannschen Kaffeehaus in der Katharinenstraße, im Sommer mittwochs in Zimmermanns Kaffeegarten vor der Stadt. Die Konzerte standen allen offen. Bis 1741 leitete Bach dort, mit einer Unterbrechung, mehr als 500 Konzerte von je etwa zwei Stunden. Hier erklangen viele seiner weltlichen Kantaten zum ersten Mal, unter ihnen die berühmte Kaffeekantate.

Das Collegium musicum war ein Ort zum Ausprobieren: Studenten neben Berufsmusikern, neue Musik neben bekannter, Bachs eigene Werke neben denen von Telemann, Händel und Vivaldi. Genau das will auch das Collegium Virtuale sein, nur mit den Mitteln unserer Zeit: ein offener Ort, an dem ein Liebhaber der Musik und eine Maschine gemeinsam etwas ausprobieren, und dessen Musik jeder hören kann.

Bach ist dabei mehr als ein Name. Die Polyphonie, das Denken in Stimmen statt in Akkorden, hat schon Into the woods geprägt, das Gitarrenstück, aus dem Amave mera wurde. Das Zimmermannsche Kaffeehaus gibt es nicht mehr. Es wurde im Dezember 1943 bei einem Luftangriff zerstört. Die Musik, die dort erklang, hören wir bis heute.

Ein KI-Experiment

Ohne dieses Experiment gäbe es weder das Orchester noch die Werke. Jedes Stück entsteht im Zwiegespräch zwischen Markus Freyt und Claude, einer künstlichen Intelligenz von Anthropic. Hin und her gehen Noten, Aufnahmen, Fragen und oft auch Widerspruch.

Dabei hat keine Maschine auf Knopfdruck eine Sinfonie geschrieben. Die Themen, die Ideen und jede Entscheidung, was bleibt und was nicht, kommen vom Menschen. Die KI schlägt vor, arbeitet aus, prüft und widerspricht. Hören kann sie die Musik nicht. Ob eine Stelle berührt, weiß nur einer.

Wie ein Werk entsteht

Am Anfang steht die Gitarre. Auf ihr entsteht die Leitmelodie oder die erste Idee eines Stücks.

Alles Weitere entsteht ohne Klaviatur. Jede Note wird von Hand gesetzt, eine nach der anderen, in der Notenrolle (Piano Roll) von Logic Pro: Tonhöhe, Länge, Lautstärke. Kein Instrument wird eingespielt, jede Stimme wird geschrieben.

Im Grunde ist das die Arbeitsweise der großen Komponisten: Bach, Mozart und Brahms schrieben ihre Werke Note für Note auf, Stimme für Stimme, bevor ein Orchester sie je spielte. Im Collegium Virtuale geschieht dasselbe, nur auf modernem Wege: mit der Maus statt mit der Feder, in der Notenrolle statt auf Notenpapier.

Danach beginnt das Zwiegespräch. Die Noten gehen als MIDI-Dateien hin und her, die KI arbeitet Entwürfe aus, der Mensch hört, verwirft, korrigiert und entscheidet. Am Ende wird von Hand gemischt, Spur für Spur.

Die Besetzung

Die Musiker des Collegium Virtuale sind Klangbibliotheken: echte Instrumente, Ton für Ton aufgenommen und im Computer neu zusammengesetzt.

Streicher, Holz- und Blechbläser
BBC Symphony Orchestra Discover · Spitfire Audio
Orgel
The Leeds Town Hall Organ · Samplephonics
Die Orgel im Rathaus von Leeds, eine der größten ihrer Art in Europa, erklang zum ersten Mal 1858, als Königin Victoria das Rathaus eröffnete. Samplephonics hat sie Ton für Ton aufgenommen, in Zusammenarbeit mit dem Organisten Dr. Simon Lindley.
Kurze Streicher, Hörner, Bässe, Chor
The Free Orchestra · ProjectSAM
Chor
Alchemy · Logic Pro
Pauken
Sampler · Logic Pro
Aufnahme, Mischung und Effekte
Logic Pro 12.3.1 · Apple
Hall und alle Effekte stammen aus der Grundausstattung von Logic Pro.

Die Klammer

Die geschweiften Klammern haben zwei Bedeutungen. In der Programmierung fassen sie Code zu einem Block zusammen. In der Partitur heißt dasselbe Zeichen Akkolade: Es verbindet die Notensysteme, die zusammengehören, etwa die beiden Hände des Klaviers. So hält die Klammer zusammen, was hier zusammengehört: den Menschen und die Maschine, und alle Werke des Collegium.

Zu den Werken